"Beim Streben nach Wissen wird täglich etwas hinzugefügt, bei der Einübung ins Tao wird täglich etwas fallen lassen."   (Laotse, aus dem Tao Te King, 6. Jhd. v. Chr.)
 
Viele junge Menschen werden mich vielleicht gar nicht verstehen, was ich meine.
Ich meine, sonderlich schön war mein Leben ja nie. Hat man es geschafft, auf eigenen Beinen zu stehen und die Lage zu verbessern, wie ich, dann beginnt man zu hoffen – man wird schön sein, jung sein, gesund sein, eine Familie haben, eigene Kinder haben, Erfolg haben, man wird sich finanziell sanieren… All die Hoffnungen, die man eben so hat mit 19, 20 Jahren.
 
Aber es wird nichts daraus. Die Rezepte, die man gesammelt hat für eine Familie, die man bekochen wollte, wirft man mal weg, wie die vielen Kleider, die nicht mehr passen, weil man zugenommen hat. Man saniert sich finanziell nie sondern kommt gerade, gerade noch so über die Runden. Man macht keine Karriere, egal wieviele Kurse und Zusatzausbildungen man hat. Freunde kommen und gehen und die haben bald alle eigene Familien und kümmern sich um dich alternden Single nicht mehr. Nicht mehr nur die Beine, sondern auch das Kreuz tut weh, Zähne gehen verloren, Narben, Geschwüre, Flecken, Falten kommen stattdessen.
 
Die Verwandten werden immer weniger, genauso wie die Freunde die bereits Kinder und Enkelkinder haben und keine Zeit mehr für dich erübrigen. Geld um groß auszugehen oder Reisen zu unternehmen hat man nicht. Man bewegt sich immer mühsamer. Man wird niemals dieses Land X sehen oder den Sonnenuntergang am Meer Y. Man wird nie mehr einen neuen Beruf ergreifen können, sondern muss froh sein, gerade seinen Job behalten zu können. Es wird sinnlos, weiter zu studieren oder Kurse zu besuchen. Die Musiksammlung, die Videosammlung – sie werden bedeutungslos, denn nach dir wird sie keiner haben wollen und die Musikträger veralten. Die vielen Bücher und Hobbies, die mal so wichtig waren, verlieren an Wert und Aufmerksamkeit. Und bei jedem Stück, was man kauft, ob es Kleidung ist, ob Geschirr, ob ein Möbelstück, da fragt man sich – rentiert sich das noch? Oder: das ist das letzte Mal, das ich mir so etwas in meinem Leben zulege… Das sind meine letzten Katzen, sie werden mit mir alt werden und hoffentlich vor mir sterben.
 
Wo ist denn die Freude, die Hoffnung geblieben? In der Jugend dachte ich noch, dass sich die Zustände verbessern werden, dass die Menschen klüger werden, dass keiner mehr Not leiden wird. Stattdessen sieht man alles im Kreis gehen, Dinge kehren immer wieder, Menschen lernen nichts dazu und verstehen nur Bahnhof. Man sieht die Jugend voller Elan und Lebensfreude und möchte ihnen zurufen: macht nicht dieselben Fehler wie ich! Genießt euer Leben, reist solange ihr es könnt, fallt nicht auf ewig dieselben Tricks herein – und mäßigt euch etwas, weil es einfach weh tut, diese Erinnerung, euch zu sehen, wie ihr euch küsst, wo euch noch alle Türen offenstehen, wo noch alles für euch möglich ist und ihr noch Freunde habt…
 
Was habe ich in meinem Leben nicht alles gelernt, auch spritituell, was habe ich an Weisheiten gesammelt, habe allen geholfen und Energien großzügig verteilt. Aber man gibt und gibt und nur wenig kommt zurück, was früher wichtig war, wo man unbedingt hin musste, was man unbedingt an Wissen aufsammeln musste, wird so bedeutungslos. Soviele sind inzwischen schon auf eine andere Ebene gegangen.
 
Unlängst wurde ich gefragt, was den das Wichtigste wäre, was man im Leben lernen könne. "Liebe" habe ich gesagt. "Liebe ist unsere einziges Ziel, ist alles was wir lernen und erreichen können. Es gibt nichts Höheres als die Liebe. Liebe ist – alles." ‚Aber dann ist ja alles was wir so lernen können über okkulte Schulen und Weisheitsbücher sinnlos, und das kann es ja nicht sein!‘ meinte der Fragesteller, verständnislos. Und lief rasch weiter, Buchstaben zu sammeln.
 
Vielleicht muss man soviel lernen, um zu verstehen und dann loslassen zu können. Um eines Tages ohne Weh und Ach die große Illusion hinter sich zu lassen.
 
 
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