Von der christlichen Pflicht zur Nächstenliebe (Caritas), an die vor allem in Dezember erinnert wird
 
St. Nikolaus
 
Der Dezember steht bei Christen – insbesondere durch die katholischen und orthodoxen Gebräuche – in enger Verbindung mit der Nächstenliebe und der Hilfe aus der Not. Beginnen wir mit dem Fest des Hl. Bischofs Nikolaus von Myra in Lykien/Kleinasien (heute läge Myra naha Antalya in der südwestlichen Türkei) – St. Nikolaus, am 6. Dezember. Geboren wurde Nikolaus etwa zwischen 270/286 in Patara in einer wohlhabenden Familie, er starb am 6. Dezember irgendwann zwischen 326/365 in Myra.
 
Nikolaus‘ Eltern starben an der Pest. Er verteilte sein Habe unter den Bedürftigen und trat als junger Mensch in das nahe Kloster Sion ein, wurde bald von seinem Onkel, dem Bischof Nikolaus (d.Ä.) aus Myra, zum Priester geweiht und schon bald, etwa 300, wie damals üblich, von der Gemeinde zum neuen Bischof gewählt. (Damals war der Bischof nur Oberhaupt der Christen einer bestimmten Region.) Während der letzten großen Christenverfolgung von Kaiser Galerius wurde Nikolaus eingekerkert und gefoltert, überlebte jedoch. Auf dem Konzil von Nicäa, dem er beiwohnte, wurde die Lehre von der Dreieinigkeit (Trinität) von Gott, Christus und Hl. Geist als Dogma beschlossen. Später wissen wir von seinem Leben nicht mehr viel, dafür kursieren alle möglichen Legenden über Wunder, Heilungen und segensreiches Wirken über ihn. Sogar Seefahrern soll er geholfen haben. Er setzte sich für Arme ein und versuchte in Streitfällen zu vermitteln. Seine Gebeine wurden 1087 von Kaufleuten nach Bari/Ittalien gebracht, um sie vor den einfallenden Saraszenen in Kleinasien zu schützen. Sie befinden sich in der Basilika S. Nicola, wo man auch ein sagenhaftes wundertätiges Öl aufbewahrt.
 
St. Nikolaus ist analog zu seinem Wirken zu Lebzeiten Schutzheiliger der Bäcker, Fischer, Tuchhändler, Weber, Schneider, der Parfüm- und Kerzenhersteller, der Seefahrer, Brückenbauer, Metzger, Küfer, Bierbrauer, Schnapsbrenner und Weinhändler, der Steinmetze, der Wirte, der Alten, Kinder, jungen Frauen und Gebärende, Pilger und Reisenden. Ebenso der Gefangenen, kleinen Kriminellen, Bettler, Pfandleihern, Rechtsanwältern und Apothekern.  Zudem Patron von Sizillien, Russland ("Väterchen Frost", mit blau-weißem Kostüm), Griechenland, Kroatien, Serbien, Lothringen sowie den Roma und Sinti. Also eigentlich jeder Menge Personen und Berufen, der Heilige war somit äußerst beliebt. Dargestellt wird er mit Gaben aus seinen Wunderlegenden, z.B. drei goldenen Kugeln, drei Broten, Schiffen usw. Die Darstellung mit dem purpurnen (roten) Kapuzenmantel des hohen Klerus geht auf ein Gemälde Moritz von Schwinds zurück. Sein Gedenktag ist der 6. Dezember (julianischer Kalender) – nach dem gregorianischen Kalender wäre das eigentlich der 20. Dezember und wurde in manchen Ländern auch dann gefeiert. In Armenien der 24. November, in Bari wurde die Überführung der Gebeine am 8. Mai gefeiert. Selbst in liberalen islamischen Ländern beschenkt Noel Baba zu Sylvester die Kinder mit Süßigkeiten. 
 
Im Norden wenig bekannt, brachte den Kult Kaiserin Theophanu, Gemahlin Kaiser Otto II. im 10. Jhd. aus Griechenland mit. Dort war der Brauch entstanden, dass Nikolaus im Gedenken an den Tag der "Unschuldigen Kinder" (28/29. Dezember, Herodes lässt in Bethlehem die Kinder töten) die Kinder beschenkt. Heute liest St. Nikolaus aus seinem goldenen Buch den Kindern ihre guten und bösen Taten vor. Ihm zugesellt ist ein strafender Gegenpol mit einer Rute als Mahnung, das Gutes mit Gutem und Böses mit Bösen vergolten wird. In Deutschland nannte man den Gehilfen Knecht Ruprecht; in Frankreich Père Fouettard; in der Schweiz Schmutzli; in Österreich, Bayern, dem rumänischen und serbischen Banat, in Kroatien den (in roten oder schwarzen Fellen gekleideten, bocksbeinigen) Krampus; in Luxemburg den Housecker; in den Niederlanden den in Robe und Mitra gekleideten und schwarz angemalten Zwarte Piet, der einen gezähmten Teufel darstellen soll. Andersort wird er von Perchten und Buttenmandl begleitet.

Wikipedia: "Schiffchensetzen nennt man den seit dem 15. Jahrhundert bekannten Brauch, bei welchem aus Papier oder anderem Material Nikolausschiffe gebastelt werden, in die der Heilige seine Gaben legen soll. Hintergrund für diesen Brauch dürfte das Schifferpatronat sein. Auch heute noch findet sich auf vielen Handelsschiffen ein Bildnis des St. Nikolaus. Das Nikolausschiffchen wurde später durch Stiefel, Schuh oder Strumpf abgelöst, zu denen später noch der Gabenteller hinzukam. Auch heute noch stellen Kinder am Vorabend des Nikolaustages Schuhe, Stiefel oder Teller vor die Tür, damit der Heilige sie auf seinem Weg durch die Nacht mit Nüssen, Mandarinen, Schokolade, Lebkuchen usw. füllen kann. Außerdem gibt es morgens gern einen aus Hefeteig gebackenen Nikolaus." Es ist wohl bezeichnend, dass dieser Feiertag in unserer materialistischen Zeit überall gesetzlich abgeschafft wurde und nur noch da oder dort inoffiziell als freier Tag für die Kinder tradiert wird. Oder, dass man sein Fest mit Weihnachten verschmolzen hat, weil die Reformatoren die Heiligenverehrung abgelehnt haben, und man so Feiertage streichen konnte.

Christkindl und Weihnachtsmann

Modern ist, dass die Kinder heute an fiktive Weihnachts- oder Christkindl-Postämter Briefe mit ihren Wünschen zu Weihnachten aufgeben können. Das Christkind, welches in katholischen Ländern anstelle des Weihnachtsmannes so populär ist, stammt – oh Wunder – von Martin Luther. Gedacht war das von Engel begleitete Christkind als Ersatz, weil auch die Prostestanten vom Schenken nicht abgehen wollten. Wikipedia: "Bis 1900 war bei Katholiken das Schenken am Nikolaustag üblich. Erst danach setzte sich das „evangelische“ Christkind zusammen mit Adventskranz und Weihnachtsbaum auch bei Katholiken durch. Gerade im protestantisch geprägten Norden Deutschlands wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts das Christkind zunehmend vom Weihnachtsmann, der auf den amerikanischen Santa Claus zurückgeht, verdrängt."

Der Weihnachtsmann in den USA (Santa Claus), der am Nordpol wohnt, ist hingegen eine Figur, bei der die christlichen Elemente alle entfernt wurden, die dafür eine Anlehnung an alte keltische (indoeuropäische?) Gebräuche erfahren hat. Der keltische Fruchtbarkeitsgott Cernunnos wurde z.B. auch mit einem großen Beutel oder Füllhorn dargestellt, der Getreide oder Regen an Rinder und Hirsche ausschüttet, umringt von Waldtieren (Rehe usw.), Gaben, Getreide und Münzen im Winter verteilend. Als Wohnstätten der Himmelsgötter galten auch hohe eisige Berge. (Daher auch in Russland: "Väterchen Frost".) Es ist also ein sehr altes inneres Bildnis.

Wikipedia: "Der Weihnachtsmann ist eine Symbolfigur des weihnachtlichen Schenkens. Dargestellt wird er als freundlicher alter Mann mit langem weißem Bart, roter mit weißem Pelz besetzter Kutte, Geschenkesack und Rute. Die Darstellung des dicklichen Weihnachtsmanns mit dem rot-weißen Mantel gab es schon im 19. Jahrhundert. Das beweisen alte Postkarten. Diese spezielle Variante des Weihnachtsmanns im rot-weißen Gewand wurde seit 1931 alljährlich (…) [von der Werbung auggegriffen] und für eine Werbekampagne zur Weihnachtszeit verwendet. (…) Der Tradition nach bringt er den „braven“ Kindern an Heiligabend (bzw. in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember) Geschenke und den „bösen“ eine Rute. Er vereinigt somit Eigenschaften des gutmütigen Sankt Nikolaus und seines verurteilenden Knechtes…" (…) "Der heutige populäre Mythos des Weihnachtsmanns, der mit einem von Rentieren gezogenen fliegenden Schlitten reist, heimlich durch den Kamin in die Häuser steigt und dort die Geschenke verteilt, geht zurück auf das 1823 anonym veröffentlichte Gedicht The Night before Christmas (früher wurde es meist Clement Clarke Moore zugeschrieben, heute gelegentlich Major Henry Livingston Jr., aber auch diese Zuschreibung ist nicht völlig gesichert)." Durch die bessere US-Werbung und Vermarktung als Geschäftsidee verdrängt der Weihnachtsmann immer mehr Süddeutschland und Österreich übliche Christkind. Eigentlich wurde Weihnachten immer mehr zum reinen Fest des Kommerz.

 
 
 
Symbolik
 
Wieso schreibe ich soviel über St. Nikolaus? Nun, wir haben im Dezember die Feiertage von
St. Nikolaus = Rettung vor Not, Verteilung von caritativen Gaben, Schutz der Kinder = aktive LIEBE
 
Am 8. Dezember gibt es das Fest der Empfängnis der Maria durch ihre Mutter (="Maria Empfängnis"), welches besagt, dass man sich erst vorbereiten muss, rein sein muss, um das Licht Gottes zu empfangen. (Siehe dazu auch http://buntegartenlaubeno7.spaces.live.com/blog/cns!656F1EEF7FFB1856!345.entry )
 
Am 24./25. Dezember, kurz nach der Wintersonnenwende, erscheint inmitten größter Finsternis das LICHT der Hoffnung, als reines gesegnetes Kind, das Schutz bedarf (28./29. Fest der unschuldigen Kinder). Der Logos, das himmlische Schöpferwort, die Kraft Gottes erfüllt ein reines Gefäß, einen mit Meisterschaft errichteten Tempel zur Ehre Gottes. (Alternatives Datum: 6. Januar, Hl. Drei Könige, die dem Kind Myrrhe als Heiler, Weihrauch als Priester und Gold als König darreichen – d.h. verehrungswürdig auf jeder Ebene). Man sagt, Weihnachten sei das Fest "der Menschwerdung Gottes", d.h. das Göttliche (der Logos) fand einen würdigen menschlichen Tempel als Aufenthaltsort, so wie es bereits die Genesis als spirituelles Ziel des Menschen bestimmt hat. 
 
Am 26. Dezember erinnert St. Stephan (Märtyrer), dass die richtige Entscheidung unter Umständen schmerzliche Opfer verlangt, und St. Silvester am 31. Dezember (missionierender Papst unter Kaiser Konstantin) erinnert an die Entstehung der Kirche. Mitten im LEBEN.
 
Maria Lichtmess (2. Februar) als 40. Tag nach der Geburt, an der ein Reinigungsopfer von der Frau im Tempel dargebracht werden musste, betont nochmals den Aspekt der inneren Reinheit und Würdigkeit, den wahre andauernde Meisterschaft, den wahrer Glaube ausmacht. Gleichzeitig wurde im Judentum der neugeborene Sohn symbolisch im Tempel präsentiert und "Gott als Eigentum übergeben". Nur wenn die Würdigkeit gegeben ist, wird das von Menschen Geschaffene auch von Gott gesegnet werden und sein Hl. Geist darauf ruhen. 
Üblicherweise wurde Maria Lichtmess hierzulande früher mit einer Lichterprozession der Gläubigen gefeiert, als Zeichen des zunehmenden inneren Lichtes der Erkenntnis.
 
 
Es ist also eine Menge los in Dezember – wenn man sich vom Kommerz losreißen kann. Licht, Leben und Liebe reichen sich die Hand, ja die Trinität selbst (Gott, Christus, Hl. Geist). Und alles beginnt – mit CARITAS….
 
 
 
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Aus: http://derStandard.at , Rubrik Panorama – Chronik, vom 11. 11. 2008:
 

"Caritasdirektor: Die Leute rennen uns die Tür ein, weil sie Hilfe brauchen

Caritas-Direktor Küberl: "2009 wird ein hartes Jahr" – Auf die wachsende Armut in Österreich will die Caritas mit einem landesweiten "Lichtermeer" am Donnerstag [13.11., 17 Uhr] hinweisen

Graz – "Die Leute rennen uns die Tür ein, weil sie Hilfe brauchen und allein nicht über die Runden kommen", so [der österreichische] Caritas-Direktor Franz Küberl, beim Auftakt der Inlandskampagne "Glücksengel gegen Armut gesucht" am Dienstag in Graz. Heuer habe "der Ansturm Notleidender vor Weihnachten früher eingesetzt".

In ganz Österreich lebt mittlerweile rund eine Million Menschen an oder unter der Armutsgrenze. Betroffen sind viele Mindestpensionisten, Menschen, die einen Krankheitsfall in ihrer Kernfamilie haben, aber auch viele junge Menschen und Familien, die einfach die Basiskosten wie Miete, Energie und Schulkosten nicht mehr abdecken können.

Nachdem man 2008 einen Rückgang an Spenden in ganz Österreich verzeichnen konnte, wurde die "Spenden-Delle" nach einem Hilferuf Küberls im Oktober mittlerweile wieder ausgebessert.Küberl appellierte auch neuerlich an Land und Bund, das "bereits ausverhandelte Modell einer bedarfsorientierten Mindestsicherung endlich umzusetzen". Denn 2009 werde ein hartes Jahr werden. Am Sonntag sammelt die Caritas direkt in Kirchen, wer dort nicht hinkommt, kann auf das PSK-Konto 7700004, BLZ 60.000, eine Glücksengel-Spende einzahlen.  (APA/cms, DER STANDARD Printausgabe, 12.11.2008)"

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Deus caritas est – Gott ist die Liebe.

1. Enzyklika von Papst Benedikt XVI., geschrieben am 25. Dezember 2005, veröffentlicht am 25. Januar 2006.

 

– Zusammengefasst aus Weltbild GmbH, Augsburg 2006, ISBN 3-89897-479-0.

(Anm.: bei Zitaten stehen Seitenangaben in Klammern*.)

 

„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt… das ewige Leben hat“ (1 Joh 3,16)

„Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4,16). Und: „Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt“ (vgl. 4,16).

 

Mit dieser Zentralbedeutung der Liebe setzt der christliche Glaube das zentrale jüdische Gebot aus dem Buch Deuteronomium (6,4 – 5) fort: „Höre Israel! JHWH, unser Gott, JHWH, ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Buch Levitikus (19,18): „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Das Christentum verbindet beide Gebote zu einem einzigen Auftrag (vgl. Mk 12,29 – 31).

Papst Benedikt (8*): „Die Liebe ist nun dadurch, dass Gott uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,10), nicht mehr nur ein ‚Gebot’, sondern Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht.“

 

Die Formen der Liebe

 

Das Wort „Liebe“ hat verschiedenste Bedeutungsinhalte. Es gibt Vaterlandsliebe, Liebe zum Beruf, zu Freunden, zu Verwandten, zu Kindern, die Nächstenliebe, die Gottesliebe. Und natürlich die Liebe zwischen Mann und Frau. Benedikt (12ff.*) greift die antiken Begriffe „Eros“, „Philia“ (Freundschaftsliebe) und „Agape“ auf. Das Verhältnis zwischen Jesus und den Jüngern wird im Neuen Testament als „Philia“ beschrieben.

 

Die Griechen beschrieben den Eros als Rausch, göttliche Raserei, die den Menschen aus der vernünftigen Welt reißt und himmlische Seligkeit vermittelt. Der Eros will uns zum Göttlichen führen. Eros verheißt Ekstase und Ewigkeit, doch benötigt die egoistische Triebkraft Eros als Gegenpol Selbstbeherrschung (Verzicht), Reifung und Reinigung (vom Egoismus). Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Benedikt (15*): „Wenn der Mensch nur Geist sein will und den Leib sozusagen als bloß animalisches Erbe abtun möchte, verlieren Geist und Leib ihre Würde. Und wenn er den Geist leugnet und so die Materie, den Körper. Als alleinige Wirklichkeit ansieht, verliert er wiederum seine Größe. (…) Nur in der wirklichen Einswerdung von beiden wird der Mensch ganz er selbst.“ Wird Eros zu bloßen Sache, Ware, so wird der Mensch nur zur Sache, Ware.

 

Ihm Hohelied stehen zwei Wörter für Liebe: „dodim“ – ein Plural, beschreibt die unbestimmte, unsichere, suchende Liebe – als Erfüllung des eigenen Begehrens und Wünschens. Und „ahaba“ (griech. Agape) meint die Erfahrung des Anderen, seine Entdeckung, die Überwindung des eigenen Egoismus, die Sorge für das Wohl des anderen, und sei es durch das eigene Opfer, durch Verzicht. Aus der unbestimmten Liebe wird eine ausschließliche Liebe: „nur dieser eine Mensch, für immer“. Aus dem Wunsch nach momentaner Ekstase wird das Streben nach Dauer.

 

Oft wird Eros und Agape übersetzt mit „weltlicher, wilder, selbstsüchtige“ und „geformte, selbstlose, geistige“ Liebe, bzw. „aufsteigende“ und „absteigende“ Liebe, oder auch mit „begehrende, fordernde“ und „schenkende, erfüllende“ Liebe. Eros ist die verlangende, begehrende Liebe, die umschlägt in die umsorgende, sich selbst hingebende Agape. Eros und Agape bedingen einander, der Mensch muss nehmen und geben, er muss empfangen und schenken. Der Mensch kann nicht immer nur geben, er muss auch empfangen. Er kann nicht immer nur haben wollen, er muss auch geben können.

 

 

Die transformierende Berührung des Menschen mit Gott

 

Das Verhältnis von Mensch und Gott bzw. Menschheit und Gott ist ebenso wechselseitig geprägt von „Eros und Agape“, d.h. von fordernder, begehrender und der schenkenden, erfüllenden Liebe. Gott liebt seine Schöpfung, er liebt die Menschen, und möchte ebenso geliebt werden. Benedikt (22ff*): Hosea und Ezechiel haben die Leidenschaft Gottes für sein Volk mit dem eines Bräutigams und einer Braut verglichen und den Treuebruch zu Gott mit Ehebruch und Hurerei. Dennoch ist die Agape-Liebe Gottes eine verzeihende, immer Versöhnung suchende. Die gegenseitige Liebe von Mensch und Gott vereinigt beide, lässt in diesem Menschen sich beide Ebenen innerlich berühren, verschmelzen. Es ist diese Liebe Gottes, die (Benedikt 24 – 28*) sich so äußert, dass „Gott in Jesus Christus selbst dem ‚verlorenen Schaf’, der leidenden und verlorenen Menschheit, nachgeht“, „Gott liebt den Menschen so, dass er selbst Mensch wird, ihm nachgeht bis in den Tod hinein und auf diese Weise Gerechtigkeit und Liebe versöhnt.“ Gott ist Liebe, Gott ist Hingabe. Gott ist der Urquell allen Seins, der schöpferische Ursprung aller Dinge, der Logos, die Urvernunft, das ewige Schöpferwort. Dessen Liebe wird in der Geburt und im Tode Jesu ausgedrückt und in Form der Eucharistie als „Nahrung“ verschenkt. In der Eucharistie berühren sich der liebende Gläubige, nach oben gewendet, mit dem Logos, der sich als Agape nach unten verströmt.

 

Indem alle [wahrhafte] Kommunikanten (Christen) dasselbe „Brot der Kommunion“ mit dem Logos (Christus) erhalten, bilden sie geistig eine Einheit, denn Gott ist unteilbar: „Wir werden ‚ein Leib’, eine ineinander verschmolzene Existenz. Gottesliebe und Nächstenliebe sind nun wirklich vereinigt (…) Von da versteht es sich, dass Agape nun auch eine Bezeichnung der Eucharistie wird: In ihr kommt die Agape Gottes leibhaft zu uns, um in uns und durch uns weiterzuwirken.“ (Benedikt 28*). Aus dieser Sichtweise, dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, sind die Gleichnisse vom reichen Prasser (Lk 16, 19 – 31), vom barmherzigen Samariter (Lk. 10,25 – 37) und vom letzten Gericht (Mt. 25,31 – 46) zu verstehen: „Jeder, der mich braucht und dem ich helfen kann, ist mein Nächster.“ (Benedikt 30*) Ja, Gottes- und Nächstenliebe verschmelzen, denn Jesus [der inkarnierte Logos] selbst identifiziert sich mit den Notleidenden, Hungernden, Dürstenden, Fremden, Nackten, Kranken, Gefangenen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt. 25,40)

 

Benedikt (30ff*) führt Bezug nehmend auf das durch das verschmolzene Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, aus, dass man Gott zwar nicht sehen kann, und daher glauben manche, dass man ihn nicht lieben kann, aber der Maßstab der eigenen Liebe zu Gott ist der Maßstab der eigenen Liebe zum Nächsten. „Wenn jemand sagt ‚Ich liebe Gott!’ aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1 Joh 4,20).

 

Benedikt (32 f.): „Die Begegnung mit den sichtbaren Erscheinungen der Liebe Gottes kann in uns das Gefühl der Freude wecken, das aus der Erfahrung des Geliebtseins kommt. (…) Liebe ist niemals ‚fertig’ und vollendet, sie wandelt sich im Lauf des Lebens, reift und bleibt sich gerade dadurch treu.“ Die Liebe definierte man früher so: dasselbe wollen und dasselbe abweisen, d.h. einander ähnlich werden, gemeinsames Wollen und Denken. „Die Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch besteht eben darin, dass diese Willensgemeinschaft in der Gemeinschaft des Denkens und Fühlens wächst und so unser Wollen und Gottes Wille immer mehr ineinanderfallen. (…) So wird Nächstenliebe in dem von der Bibel, von Jesus verkündigten Sinn möglich. Sie besteht ja darin, dass ich auch den Mitmenschen, den ich zunächst gar nicht mag oder nicht einmal kenne, von Gott her liebe. Das ist nur möglich aus der inneren Begegnung mit Gott heraus, die Willensgemeinschaft geworden ist und bis ins Gefühl hineinreicht.“

 

Benedikt (34f.): „Wenn die Berührung mit Gott in meinem Leben ganz fehlt, dann kann ich im anderen immer nur den anderen sehen und kann das göttliche Bild [als geliebtes Mitgeschöpf Gottes, als mein nächster Bruder] in ihm nicht erkennen. Wenn ich aber die Zuwendung zum Nächsten aus meinem Leben ganz weglasse und nur ‚fromm’ sein möchte, nur meine ‚religiösen Pflichten’ tun, dann verdorrt auch die Gottesbeziehung. (…) Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber. (…) Gottes- und Nächstenliebe sind untrennbar: Es ist nur ein Gebot. Beides aber lebt von der uns zuvorkommenden Liebe Gottes, der uns zuerst geliebt hat. So ist es nicht mehr ‚Gebot’ von außen her, das uns Unmögliches vorschreibt, sondern geschenkte Erfahrung der Liebe von innen her, die ihrem Wesen nach sich weiter mitteilen muss. Liebe wächst durch Liebe. Sie ist ‚göttlich’, weil sie von Gott kommt und uns mit Gott eint, uns in diesem Einigungsprozess zu einem Wir macht, das unsere Trennungen überwindet und uns eins werden lässt, so dass am Ende ‚Gott alles in allem’ ist (vgl. 1 Kor 15,28).“

 

 

Die Caritas als Ausdruck der Gottesliebe des Menschen

 

Im zweiten Teil der Enzyklika wird die in der Gottesliebe verankerte Nächstenliebe zu einem Auftrag nicht nur für jeden gläubigen Christen, sondern zur gesamten kirchlichen Gemeinschaft, ganz im Sinne der Urkirche, die umzusetzen ist.

 

Die frühere Gemeinschaft (griech. Koinonia) teilte sich das gesamte Hab und Gut gemeinsam. Mit dem Wachsen der Gemeinschaft war die Beibehaltung dieser strengen Form nicht mehr möglich (außer in Klöstern, ab 4. Jhd.), doch der Kern blieb bestehen: „Innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen darf es keine Armut derart geben, dass jemandem die für ein menschenwürdiges Leben nötigen Güter versagt bleiben.“ (Benedikt 38*) Das Siebener-Gremium der „Diakone“ sollten in den Gemeinden als Entlastung der „Apostel“ die sozialen Dienste der Caritas übernehmen. Die Caritas („diakonia“) war neben Verkündigung des Evangeliums und Spendung der Sakramente (durch apostolische Nachfolger) immer eine Verpflichtung der Kirche. Benedikt (42f*): „Der Liebesdienst ist für die Kirche nicht eine Art Wohlfahrtsaktivität, die man auch anderen überlassen könnte, sondern er gehört zu ihrem Wesen, ist unverzichtbarer Wesensausdruck ihrer selbst.“ Die Caritas-Agape gebührt dabei nicht nur Christen, sondern gilt universell allen Bedürftigen. [Die Spenden an die Kirchengemeinde, z.B. durch den Adel, galten nicht nur dem Kirchenbau und Verwaltung, sondern vor allem der Finanzierung der Sozialhilfe.]

 

Vom marxistischen Denken kam im 19. Jhd. der Einwand, dass die Liebeswerke (Almosen) nur das Gewissen der Besitzenden beruhigt, die aber weiterhin die Armen um ihre Rechte betrügen würden. Statt Almosen zu geben, die indirekt nur das Unrecht aufrechterhalten, wäre es besser, eine gerechtere Ordnung zu etablieren, bei der alle Anteil an den Gütern der Welt haben. Der Marxismus sah in der Weltrevolution das Allheilmittel. In der Auseinandersetzung mit der Frage der Armut der arbeitenden Bevölkerung und dem Kapital entstanden viele kirchliche caritative neue Hilfsorganisationen und Vereine und es wurden seit Leo XIII. (1892) entsprechende Enzyklika von Päpsten geschrieben, die die bis heute zusammengefasst die Soziallehre der Kirche begründet haben.

 

Benedikt (46ff*): „Die gerechte Ordnung der Gesellschaft und des Staates ist zentraler Auftrag der Politik. Ein Staat, der nicht durch Gerechtigkeit definiert wäre, wäre nur eine große Räuberbande, wie Augustinus einmal sagte…“ Das Christentum muss allerdings unterscheiden zwischen dem, was des Kaisers, und dem, was Gottes ist (vgl. Mt. 22,21), also was zu den Belangen des Staates und was zu denen der Kirche gehört. Und der Aufbau gerechter Strukturen ist eine Verpflichtung des Staates. [Die kirchliche Soziallehre] „…will nicht der Kirche Macht über den Staat verschaffen; sie will auch nicht Einsichten und Verhaltensweisen, die dem Glauben zugehören, denen aufdrängen, die diesen Glauben nicht teilen. Sie will schlicht zur Reinigung der Vernunft beitragen und dazu helfen, dass das, was recht ist, jetzt und hier erkannt und dann auch durchgeführt werden kann. (…) sie weiß, dass es nicht Auftrag der Kirche ist, selbst diese Lehre politisch durchzusetzen: Sie will der Gewissensbildung in der Politik dienen… (…) Das Erbauen einer gerechten Gesellschafts- und Staatsordnung, durch die jedem das Seine wird, ist eine grundlegende Aufgabe, der sich jede Generation neu stellen muss. (…) Liebe – Caritas – wird immer nötig sein, auch in der gerechtesten Gesellschaft.“

 

Benedikt (50f*): Die Kirche darf sich nicht in die Belange des Staates einmischen. „Die unmittelbare Aufgabe, für eine gerechtere Ordnung in der Gesellschaft zu wirken, kommt dagegen eigens den gläubigen Laien zu. Als Staatsbürger sind sie berufen, persönlich am öffentlichen Leben teilzunehmen.“

 

Die weiteren Kapitel befassen sich mit den modernen Hilfsorganisationen und wie der Christ seine Tätigkeiten der Nächstenliebe (die im Kern gleich mit oben Gesagten geblieben sind) aufzufassen hat. Benedikt (61ff.*): „In seinem Hymnus auf die Liebe lehrt uns der heilige Paulus (1 Kor 13), dass Liebe immer mehr ist als bloße Aktion: ‚Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts’. Dieser Hymnus muss die ‚Magna Charta’ allen kirchlichen Dienens sein; in ihm sind alle Überlegungen zusammengefasst, die ich im Laufe dieses Schreibens über die Liebe entwickelt habe. Die praktische Aktion bleibt zu wenig, wenn in ihr nicht die Liebe zum Menschen selbst spürbar wird, die sich von der Begegnung mit Christus nährt. Das persönliche, innere Teilnehmen an der Not und am Leid des anderen wird so zur Teilnahme meiner selbst für ihn: Ich muss dem anderen, damit die Gabe ihn nicht erniedrigt, nicht nur etwas von mir, sondern mich selbst geben, als Person darin anwesend sein. (…) Dieses rechte Dienen macht den Helfer demütig. Er setzt sich nicht ein eine höhere Position dem anderen gegenüber, wie armselig dessen Situation im Augenblick auch sein mag.“ Nur so handelt er in der Nachfolge Christi. Denn er handelt ja nicht aus eigener Größe oder Leistung heraus, sondern mit der Hilfe Gottes, und nur so. Daher sind gegenüber der großen Not weder Hochmut, Anklagen noch Mutlosigkeit angebracht. „Das Gebet als die Weise, immer neu von Christus her Kraft zu holen, wird hier zu einer praktischen Dringlichkeit. Wer betet, vertut nicht seine Zeit, selbst wenn die Situation alle Anzeichen der Dringlichkeit besitzt und einzig zum Handeln zu treiben scheint.“

 

Benedikt (65f.*): „Glaube, Hoffnung und Liebe gehören zusammen. Die Hoffnung artikuliert sich praktisch in der Tugend der Geduld, die im Guten auch in der scheinbaren Erfolglosigkeit nicht nachlässt…(…) Der Glaube zeigt uns den Gott, der seinen Sohn für uns hingegeben hat, und gibt uns so die überwältigende Gewissheit, dass es wahr ist: Gott ist Liebe! Auf diese Weise verwandelt er unsere Ungeduld und unsere Zweifel in Hoffnungsgewissheit, dass Gott die Welt in Händen hält und dass er trotz allen Dunkels siegt,…(…) Die Liebe ist möglich, und wir können sie tun, weil wir nach Gottes Bild geschaffen sind. Die Liebe zu verwirklichen und damit das Licht Gottes in die Welt einzulassen – dazu möchte ich mit diesem Rundschreiben einladen.“

 

Besonders erwähnt er am Ende die Klöster, die sich der Hospize, Kranken- und Armenhäuser sowie der Erziehung vor allem auch der Ärmsten seit dem 4. Jhd. angenommen haben, den Hl. Martin von Tours, die Bettelorden, Franz von Assisi, Johannes Bosco bis Theresa von Kalkutta u.a. als „Lichtträger der Geschichte“. Papst Benedikt XVI. betont auch die Rolle der Madonna als Mutter Jesu und Fürbitterin und endet auch mit einem entsprechenden Marien-Gebet der Fürbitte „damit auch wir selbst wahrhaft Liebende und Quelle lebendigen Wassers werden können inmitten einer dürstenden Welt.“ (69-71*)

 

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