Die Alchemie
 
 
Die Alchymie (bis etwa ins 18. Jhd. in Europa) stellte eine Weiterentwicklung der antiken Naturphilosophie dar, angereichert durch ägyptische, arabische, byzantinisch-griechische und neoplatonische Impulse. Anfangs stellte die Alchymie vor allem den Versuch dar, die Geheimnisse der unbekannten Welt zu entschlüsseln. Wobei die einen das konkret auffassten und nach einer chemischen Möglichkeit suchten, Gold zu machen – und nebenbei Schwarzpulver oder Porzellan erfanden. Die anderen suchten nach Mineralien und Heilpflanzen, um Krankheiten zu heilen. Und wieder andere werteten Erkenntnisse philosophisch aus oder versuchten, philosophische Ideen über die Schöpfung und Gott in der Materie wiederzufinden, nach dem Motto: "Wie oben, so unten, wie innen, so außen". Über allen diesen Suchern und Forschern stand immer die Drohung der Inquisition und die Begehrlichkeit der Herrscher, diese neuen Entdeckungen finanziell für sich zu nutzen.
 
Der Aufstieg des bürgerlichen Rationalismus, der allgemeinen materialistisch-rationalen Bildung der Wissenschaften ab der Renaissance ab ca. 1700 diese Zeit der Suche nach sich gegenseitig ergänzenden philosophischen und physikalischen Erkenntnissen nach und nach zum Erliegen brachte, so dass vor allem die Chemie, Pharmazie und Medizin, die aus ihr hervorgingen, die philosophischen und metaphysischen Aspekte dabei verwarfen. Die philosophischen und metaphysischen Aspekte wurden nur in den okkulten geheimen Gesellschaften weitergepflegt.
 
In uralten Kulturländern wie China, die selbständig ebenfalls Forschungen metapysischer Alchemie, Chemie, Medizin usw. betrieben, waren die Entdeckungen nie so beschnitten gewesen wie in Europa zur Zeit des Mittelalters, sondern stagnierten nur ab und an. Diese Ideen fanden dort Eingang in die Lehren des Tao.
 
 
 
Opus Magnus
 
Was war das Ziel der Alchemisten in Europa? Was verstanden sie unter ihrer Arbeit, ihrem "Werk"?
 
Das Große Werk wollte Unedles mittels des "Roten Steins" in Gold transmutieren.
Das Kleine Werk wollte Unedles mittels des "Weißen Elexiers" in Silber verwandeln.
 
"Essenz/Tinktur" wurde in alchemistischen Schriften vorwiegend in Verbindung mit Heilung", Heiligung verwendet; "Stein/Pulver" in Verbindung mit Transmutation zu Gold. Das Silber (=Mond, das Elexier) wandelt sich dabei unter dem Einfluss von Mercurius (Bewusstsein) und dem Feuer der Liebe (Erhitzung, Durchdringung) zu Gold (Sonne). Die einen fassten das das wortwörtlich auf und versuchten (vergeblich), chemisch Gold und Silber herzustellen. Oder zumindest Heilmittel. Die anderen verstanden das vorwiegend philosophisch – die chemischen Prozesse sollten einen Einweihungs- und Entwicklungsweg des Menschen widerspiegeln.
 
 
               
 
Links/oben: "Mach aus Mann und Weib einen Kreis, daraus ein Quadrat, dann ein Dreieck, als dann wieder ein Kreis, und du wirst den Stein der Weisen haben". Michael Maier, Atalanta fugiens, Oppenheim, 1618.
Unten:

Rechts/unten : Basilius Valentinius, Azoth, Paris 1659

 

Wikipedia, zur "Achemie": "In der Alchemie bestand immer ein Disput darüber, wie die Stufen im Einzelnen ausgestalten werden sollten. Klarheit bestand jedoch in der Abfolge der einzelnen Stufen. Die „Schwärze“ (nigredo) bildete den Anfang und versinnbildlichte den Urzustand der Materie. Man bezeichnete diesen Zustand auch als die Materia prima. Diese verlief über die Phase der „Weißung“ (albedo), „Gelbung“ (citrinitas) und endete in der höchsten Stufe der „Rötung“ (rubedo). Grundlage dieser Stufen bildete die griechische Philosophie der Quaternität bzw. des Vierteilens eines Prozesses in die melanosis (Schwärzung), leukosis (Weißung), xanthosis (Gelbung), iosis (Rötung). Man lehnte diese Vorstellung an die antiken Elementenlehre der vier Elemente aus Erde, Wasser, Luft und Feuer an. Erst im späten Mittelalter wurde die Quaternität zur Trinität, wobei die Stufe der xanthosis bzw. Gelbung entfiel. Eine andere Aufteilung war : Materia Prima, Calcination, Sublimation, Solution, Putrefaction, Destillation, Coagulation, Tinctura, Multiplikation, Projection."
 
 
Die Zustände oder Phasen des Entwicklungsprozesses:
 
  • nigredo, Schwärzung: der Zustand der Individuation, Reinigung, Ausbrennen von Unreinheit; die Phase der "schwarzen Sonne", der Dunkelheit, in dem nichts leuchtet 
  • albedo, Weißung: nach erfolgter Reinigung von Körper und Geist erfolgt die Vergeistigung, Erleuchtung – ein Licht geht auf ("Morgenröte") , eine geistige Neugeburt geschieht. (Die gelbe Phase, citrination, wäre die Ausstrahlung auf andere, wie ein Licht in der Welt)
  • rubedo, Rötung: Vereinigung des Menschen mit Gott, Vereinigung des Begrenzten mit dem Unbegrenzten – Durchdringung und Einheit von Mensch und Gott, Schöpfer und Geschöpf/Schöpfung; was unvollkommen war, wird zuvor im letzten Schritt abgelegt.
 
Das Opus Magnum, "Grosse Werk, das "den Menschen vollendet" durchläuft somit drei (oder vier) Phasen und in etwa darin die Stufen:  
          
1. Materia Prima (= Materia cruda, d.h. unbearbeiteter Grundstoff, dunkel und verborgen. Bearbeitet und behauen verwandelt sich die Materia cruda in Materia perfecta und am Ende in Materia universalis.)
2. Calcination – durch Brennen im offenen Feuer wird die Schlacke vernichtet. Tod, Verwesung, Höllenbrand, (Leid)
3. Sublimation – d.h. der geläuterte Stoff wird umgewandelt, geschmolzen, wird reiner, steigt in seiner Beschaffenheit auf, kühlt wieder ab. (Der Unterschied zur Destillation von Flüssigkeiten: ein fester Stoff verdampft, kühlt ab und verfestigt sich wieder.)
4. Solution – das Aufgestiegene wird (weil kristallisiert, mit Säure) geätzt, erweicht, gelöst, verflüssigt
5. Putrefaction – das Flüssige verwest, fault, zerfällt, löst sich auf, wird abgefiltert und so weiter veredelt und geklärt
6. Destillation – der gefilterte Rest der Flüssigkeit wird durch Erhitzung destilliert, der wertvolle Teil solcherart abstrahiert
7. Coagulation – der ätherisch-fluidale Stoff (das Destillat) verdichtet sich, gerinnt, konzentriert sich = aus flüssigem Quecksilber wird eine silber- oder goldhältige Substanz
8. Tinctura – ein gelblicher Auszug entsteht, soll selbsttätig nach dem Auftragen in Gold verwandeln. Dabei unterscheidet man die "weiße Tinktur" (Weißer Löwe, kleines Elexier), welches Dinge in Silber verwandelt; und die "rote Tinktur" (als Weiterentwicklung; Roter Löwe, Großes Elexier), welches Dinge in Gold verwandelt.
9. Multiplikation – die Vermehrung des Lapis philosophum. Durch Auftragen (einwirken, ausstrahlen) auf unedle Metalle werden alle in edle verwandelt, wobei der Lapis selbst nie seine Kraft verliert.
10. Projection – ein Ding wird mit einer bestimmten Kraft und Eigenschaft versehen. (In dem Fall mit allen himmlischen Eigenschaften durch Assumption.)
 
 
Hier im Bild sehen wir den blinden Suchenden, der nach innen lauscht, sich selbst (innerlich) als "Berg" erforscht, emporsteigt zu Planeten und Zodiak und am Ende eins wird mit dem gesamten Kosmos.
 
    
S. Michelspacher, Cabala, Augsburg, 1616   
 
 
VITRIOL
 
 
Visito Inferiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem („Suche das Untere/Innere der Erde auf, vervollkommne es, und Du wirst den verborgenen Stein finden“) = Gängige Übersetzung der rätselhaften Sigille V.I.T.R.I.O.L.   
 
Meine Übersetzung: Ventus Ignis Terra Ros  (Vierheit der Elemente) -Initiare, Operare, Luminare  (Dreiheit)
= Wind (Luft, Spiritus), Feuer, Erde, Wasser (Tau des Himmels, d.h. reinstes Wasser) – beginne (weihe), erschaffe (arbeite), erhelle (durchdringe). – Siehe Abbildung, ganz oben links: der Alchemist zeichnet "V.I.T.R.I.O.L." an die Wand.
Die 7 Punkte zwischen den Buchstaben verstehe ich als "Jods", die schöpferische Engerie, bzw. Impulse Gottes.
7 + 7 = 14 = 5, den mikrokosmischen Menschen Adam Kadmon.
Wir haben somit ein Quadrat und ein Dreiheit = eine Pyramide. Und eine imaginäre Spiegelung = ergibt einen Oktoeder.   
 
Das Kreuz ist die symbolische Verbindung von Himmel und Erde. Oder aber stellt die vier Himmelsrichtungen da. Dreidimensional werden somit alle Richtungen angegeben, nach allen 6 Seiten, wobei sich alle Linien im Kreuzmittelpunkt treffen – daraus ergibt sich das Modell des Würfels, der Pyramide (Wikipedia: Pyramide = griechisch: πύρ = (pýr) Feuer + μέσο/μέση = (méso/mése) Mitte – "Feuer/Energie im Zentrum") und, komplett mit allen Richtungen, des Oktoeders (= Doppelpyramide) als Symbol des vergeistigen Menschen.
 
 
V, der Beginn von "Vitriol", steht auch für Velum (Vorhang) oder velare (verhüllen). L, der Schlußbuchstabe, steht auch für "Lapis philosophum", d.h. der Stein der Weisen, oder stv. für "Gold" (Erleuchtung, Vervollkommnung) oder auch "Christus/Sohn Gottes", oder für "liquor universalis" = der Geist des Mercurius , lebendiges Quecksilber, das Lebenselexier, das ewige Leben. Himmlischer Mercurius = die Quinta essentia, die Quintessenz, der vergeistigte Mensch, das 5. Element. Damit umfasst VITRIOL eigentlich das Initiationsprogramm des Menschen.
 
Der Lapis philosophum hatte als Vater die Sonne, als Mutter den Mond, d.h. setzte sich aus beiden Schöpfungsprinzipien (1. Mercurius/schöpferischer Geist/Idee und 2. Sulphur/Seele/Liebe- und Lebenskraft) zusammen. Sal (das 3. sich manifestierende alchemistische Prinzip, aus Mercur und Schwefel) ist zwar lat. übersetzt Salz, aber Salus (aus der alten heiligen indogermanischen Wurzel sal- = heilig) bedeutete auch: Heil, Heilung, Wohlergehen, Rettung.
 
So gesehen steht der edle bearbeitete  Stein symbolisch für einen vollendeten, vergeistigten Menschen. Für diesen gibt es auch eine andere damals bekannte Symbolik: das Kreuz ist dabei das Symbol für die schöpferische Kraft des aufsteigenden Geistes innerhalb der Materie. Das goldene Kreuz war das Symbol der durch Weisheit erreichten menschliche Vergeistigung und damit Unsterblichkeit. Gold symbolisierte auch die edle Sonnen- und Lebenskraft. Eine Rose symbolisierte Schönheit, Ausweitung, Evolution. Die rote Rose symbolisierte Mercurius, geistig-spirituelle Vollkommenheit, Einheit mit dem Göttlichen. Oder auch den Gral, da "rot" auch für das "Blut Christi" stand. Die rote Rose steht ebenfalls für die solare, die weiße Rose für die lunare Tinktur. Die (weiße) Lilie stand als Symbol für das Elexier (Sulphur). Als "Sammeln von Honig" bezeichnete man das Sammeln von Weisheit und geistigem Wissen. Edelstes Ziel des Menschen war es immer, sich zu vergeistigen, zu veredeln, zu vervollkommnen – in Weisheit, Schönheit, Gesundheit, Nächstenliebe und edlem Charakter.
 
 
 
 Der Berg der Philosophen    
 
 

„Und diese Prima Materia wird in einem Berg gefunden, der eine ungeheure Anzahl erschaffener Dinge enthält. In diesem Berg ist jede Art von Wissen zu finden, die es gibt auf der Welt: Keine Wis­senschaft oder Kenntnis, kein Traum oder Gedanke (…), der darin nicht enthalten wäre. (Abu’l-Qâsim, Kitâb al – ’ilm, hrg. Holmyard, Paris 1923.) 

 
 
 
 
Aus: Geheime Figuren der Rosenkreuzer, Altona 1785. Im "Berg der Philosophen" befindet sich der "Vater der Elemente" = "der Alte Hüter", oft gleichgesetzt mit Boas, Ur-Großvater Davids. Oben (3. Ebene über Mauer/Abgrund) wird der Sonne- und Mond-Baum der Alchemisten für die 2. Ebene gepflanzt. Der Zugang erfolgt durch die erste Mauer und das Grab. Der gesamte Berg wird als "Haus, gebaut auf einem starken Fels" verglichen. Wer es öffne, der finde darin die "Quelle der ewigen Jugend". Der Berg selbst ist symbolisch ebenfalls der Lapis.
 
 
 
LINKS:
 
http://de.wikipedia.org/wiki/Alchemie (Alchemie, chinesisch-taoistische Alchemie)
http://de.wikipedia.org/wiki/Spagyrik (Alchemie und Spagyrik)
http://arkanum.com/alchemie/opus.htm (Über das äußere und das innere Werk)
 
 
LITERATUR:
 
Schmieder, Karl Christoph: Geschichte der Alchemie, Neuauflage von Auflage Halle 1832, Wiesbaden 2005. (ISBN 3-86539-003-X)
Roob, Alexander: Alchemie & Mystik. Das Hermetische Museum, Köln 1996. (ISBN 3-8228-8803-6)
 
 
 
 
    
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