Aus: Weekend, Tiroler Ausgabe Nr. 7, 5./6. April 2008, S. 40-41:
 
"Bittere Pillen – Medikamentenhandel im Internet"
 
Bis zu 50 Prozent der im Internet gehandelten Medikamente sollen laut Experten gefälscht, wirkungslos und zum Teil sogar lebensbedrohlich sein.
Der Umsatz reicht von Potenzmittel, Hustensaft bis zu Anti-Baby-Pillen. 2007 wurden geschätzte 30 Mrd. Euro über www umgesetzt, Tendenz stark steigend. Das gefährdet und verzerrt nicht nur den Wettbewerb und den Arbeitsmarkt und die Existenz heimischer Apotheken. Der Kunde weiß meist nicht, wo das Medikament produziert wurde, unter welchen Bedingungen produziert und versandt wurde (Hygiene, Hitze, Kälte, Ablaufdatum…), und ob die enthaltenen Tabletten überhaupt die sind, die auf der Packung stehen… Falls es überhaupt auf der Packung steht und die Medikamente nicht einfach in Plastiksäckchen und Gläschen offen abgezählt wurden, wie man es üblicherweise z.B. in den USA macht. Beipacktexte, sofern mitgeliefert, sind unvollständig, kopiert oder in einer Fremdsprache. Manchmal sieht die Packung wie das Orginal aus, ist aber gefälscht und das Produkt enthält keinen Wirkstoff, oder zuviel bzw. zuwenig oder falsch gemsicht.
 
Die US-Arzneimittelbehörde FDA schätzt, dass etwa 10 Prozent alle auf dem Weltmarkt gehandelten Präparate gefälscht sind: das sind pro Jahr 26 Mrd. Euro krimineller Gewinn.
 
Die WHO schätzt, dass gerade 7 Prozent der gefälschten Produkte den richtigen Wirkstoff in korrekter Dosierung enthält. 17 Prozent haben zuwenig Wirkstoff, um zu wirken. 16 Prozent haben einen falschen Wirkstoff oder sogar giftige Verunreinigungen. Gesamt seien 60 Prozent der Fälschungen wirkungslos. In den USA wurden 1,5 Mio. per Internet gehandelte Antibabypillen beschlagnahmt, die zu wenig Wirkstoff enthielten. 170 gefälschte Arzneimittel wurden in der EU in illegalem Handel entdeckt. In Österreich untersuchte 17 verdächtige Viagra-Produkte aus Fernost, USA und Europa, die alle Fälschungen waren. Einige Proben enthielten nicht deklarierte gefährliche Wirkstoffe.
 
(Anmerkung: Natürlich hatte die Tiroler Apothekenkammer Interesse daran, diesen Artikel zu veröffentlichen. Der Internethandel steht in Konkurrenz mit heimischen Apothekern.)
 
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Soweit der Artikel.
 
Im Grunde lässt sich Geld auf mannigfache Weise machen – z.B. durch Waffen, Chemie, Dünger, Genprodukte, Pharmazie… so auch durch Appetitzügler, Gewichtsreduktionsmittel, Wellnesspräparate (Vitamine, Mineralstoffe) und Kosmetika. Und offenbar auch über Medikamente per Internet. Solange Pharmaprodukte teuer sind und durch herkömmlichen Vertrieb über Apotheken bzw. in USA z.B. Drug-Stores noch teuerer werden, oder gar nicht erhältlich sind, wird jeder vernünftige Mensch den Internethandel als günstige Variante betrachten. In den USA kommt noch die prekäre Lage von unversicherten oder schlecht versicherten Personen dazu. Denen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich selbst zu "medikamentisieren", mitunter falsch. Und sich Tabletten aus dem nächsten Kaufhaus (das weit mehr regulär verkaufen darf als hierzulande erlaubt!) gegen alle möglichen Krankheitsbildern zu besorgen, ohne einen Arzt aufzusuchen. Oder aber, wie in der Dritten Welt (und zunehmend bei uns) billigere, nachgebaute, stark veralte Substitute (Generika mit abgelaufenen Patenten) zu kaufen. Das Patentrecht gewährt dem Hersteller 20 Jahre lang das alleinige Verkaufs- und Betriebsrecht und macht damit neue Medikamente sündhaft teuer. Zu teuer für die Dritte Welt (z.B. HIV-Produkte).
 
 
 
Das Trips-Abkommen der WTO
 
Über die internationalen Probleme im Medikamentenhandel lese hierzu z.B. diesen gut zusammengefassten Artikel der VSSTÖ zum Welt-Aidstag 2006: http://www.vaust.net/topic/topic_2006_11_30.php
==> Bis 1995 war das Patentrecht in jedem Staat eigens geregelt oder nicht vorhanden (z.B. in Indien), dann veranlasste das WTO (die Welthandelsorganisation) das internationale TRIPS-Abkommen zum Schutz geistigen Eigentums, gültig für alle WTO-Mitgliedsstaaten. Um Dritte-Welt-Länder die Chance zu geben, in echter Notlage (z.B. AIDS-Massenepidemie) zu billigeren Medikamenten zu kommen, kam es durch Druck von NGO’s 2001 zur Doha-Deklaration, indem es einem Staat in humanitärer Notlage erlaubt ist, Medikamente per Zwangslizenz vorzeitig nachzubauen – aber NUR für den eigenen Staat, sie dürfen nicht exportiert werden. (Was aber nur geht, wenn der Staat überhaupt geeignete Pharmafabriken zur Herstellung besitzt!) Die spätere Cancun-Vereinbarung von 2003 erlaubt unter gewissen gelisteten Bedingungen und mit unzähligen bürokratischen Hürden einen Export von diesen Generika. Hürden, die kaum einer meistert.
 
Aber es stimmt schon – die Welt ist voll von Kriminellen, die illegal Schlupflöcher und geringe Überwachung ausnützen, und keiner weiß wirklich, wo die vielen Produkte entstanden sind, und wie. Papier und Karton sind geduldig, drucken kann man überall, verpacken kann man überall. Man kann auch prima Geld von Notleidenden und Geringverdienern kassieren, indem man viel verspricht, aber nichts hält. Und indem man auch geschickt und fleißig Gelder von diversen öffentlichen Hilfsfonds anzapft. Das Internet ist auch ein Weg, "seltsame" Produkte zu vermarkten.
 
 
Private Verteilerketten
 
Will man ganz listig sein, so schafft man ein Schneeballsystem von Verteilern, die die über Internet bezogenen Waren an (privaten) Unterhändler (z.B. Hausfrauen, nebenberufliche Vertreter, Pensionisten, Studenten…) weiterverteilen, damit sie die in ihrem privaten Kreis (im guten Glauben und mit Null Kenntnissen) verkaufen oder ihrerseits Unter-Unterhändler anheuern. Allen werden billige Preise und saftige Gewinne für ihren Vermarktungseinsatz versprochen. Derselbe Schmäh, den man schon bei "garantiert profitabele" Aktienpakete, dominikanische und spanische Urlaubervillen, Versicherungsverträge usw. usw. abgezogen hat! Irgendwer zahlt früher oder später drauf, und wenn man dann die Urheber der Verteilungskette belangen möchte, sind sie unauffindbar mit einer Postadresse auf den Caymans… Klar muss man das alles privat mit Internet und Verteilerkreise machen – in Österreich ist offiziell Medikamentenhandel nur über Apotheken erlaubt… Wellnessprodukte (mit kaum Wirkstoffen) sind im normalen Handel erhältlich. Nur dass Handelsketten darauf achten, nichts zu verkaufen, was gerichtliche Klagen nach sich ziehen könnten.
 
 
 
Und wieder zeigt es sich: wer viel Geld hat, kann sich gute Medizin leisten. Wer keins hat, darf russisches Roulette spielen.
 
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