Aus: derStandard.at, 20.11. 2007, Rubrik Panorama – Integration, beruhend auf der Printausgabe einer Reportage der rumänischen Journastin Ana Maria Luca.

 

"Ich habe Mutti über die Webcam gesehen"

"In den Westen ziehende Arbeitsmigranten lassen jährlich tausende rumänische Kinder zurück. Eine Serie von Selbstmorden hat Öffentlichkeit und Behörden aufgerüttelt" (…)

 

Ausgesterbendes Dorf Sperieteni, aus dem die Hälfte der Einwohner bereits weggezogen sind: "Trotz seiner Abgeschiedenheit hat das Dorf im Kreis Dâmbovita es zu einiger Berühmtheit gebracht. "Wenn Sie einen Ort suchen, in dem nur Kinder und Alte leben, sollten Sie nach Sperieteni gehen", sagt eine Frau in einem Dorf auf der Hauptstraße.

Tatsächlich wachsen die Kinder hier – wie in vielen anderen Ortschaften des Landes – praktisch allein auf, viele von ihnen warten darauf, dass ihre Putzfrauen-Mütter zu Weihnachten aus Italien oder Spanien anrufen, hoffen, dass sie sie vielleicht in den Sommerferien für zwei Wochen besuchen. Viele warten darauf, dass ihre Tischlerlehre oder irgendeine andere Berufsschule abgeschlossen ist, dann stoßen sie zu ihren Vätern auf den Baustellen, irgendwo in Europa. Andere landen in Pflegeheimen oder gar Waisenhäusern, obwohl sie Eltern haben. Und gelegentlich geht ein Zehnjähriger von der Schule ab, läuft von zu Hause weg oder erhängt sich im Kasten mit der Krawatte des Vaters.

Länger als ein Jahr versucht die rumänische Regierung nun schon, die in der Obhut ihrer Verwandten hinterlassenen Kinder zu zählen. Man fand 60.000 Kinder mit mindestens einem abwesenden Elternteil. Die Rumänien-Abteilung der Soros Foundation kam auf 170.000 Kinder in dieser Situation. Laut einer im Oktober 2007 veröffentlichten Studie zu den "Auswirkungen der Migration: Zu Hause gebliebene Kinder" gibt es 35.000 Kinder, deren beide Elternteile Rumänien verlassen haben und sie hier zurückließen. Diese Kinder werden mittels E-Mail, Telefon, ja sogar mittels Webcams erzogen.

Doch die finanziellen Kalkulationen der Eltern wälzen langfristige Kosten auf ihre Kinder ab: Lehrer beschreiben damit zusammenhängende Verhaltensprobleme in der Schule; noch besorgniserregender sind die Meldungen ostrumänischer Krankenhäuser über Selbstmorde und Selbstmordversuche problembelasteter Teenager, die mit ihren Gefühlen nicht mehr zurechtkommen. Obwohl die Migration Richtung Westen in den letzten 17 Jahren ein sehr verbreitetes Phänomen darstellte, behaupteten Regierungsvertreter und Aktivisten, keine Kenntnis über eine derartige Krise gehabt zu haben, bis die Medien letztes Jahr begannen, auf dieses Problem aufmerksam zu machen." (…)

Die zurückgelassenen Kinder, die ihre Eltern vermissen, schwänzen die Schule, verhalten sich mitunter aggressiv und bockig und überfordern ihre Verwandten, es gibt immer wieder Fälle, wo die Leute die Kinder auch einfach in ein Waisenhaus stecken und so tun, als hätte das Kind keine Verwandten. Eine staatliche Institution wie das Waisenhaus akzeptiert Kinder nur, wenn sie elternlos sind. Also bleiben die Kinder über Jahre bei ihren Großeltern zurück. Sie sind durch die Gelder vom Ausland zwar meist besser gekleidet als andere Kinder, werden aber dafür auch beneidet und sozial geschnitten. Die Verwandten, einfache Leute, haben kein Verständnis für die Verhaltensstörungen der Kinder: unter Ceausescu mussten sie in Doppelschichten arbeiten und wuchsen selbst als vernachlässigte Schlüsselkinder auf.

"Ich vermisse meine Mutti", sagt Nicoleta, (…) "Die Mehrheit der Kinder in meiner Klasse ist allein zu Hause, 15 von 20. Ich hoffe, dass Mutti nach Hause kommt und uns mitnimmt. Ich habe sie heuer einmal gesehen, über die Webcam. Es hat nicht sehr gut funktioniert, aber wir haben einander gesehen. Ich will bei ihr wohnen. Sie hat versprochen, zu Ostern heimzukommen, weil sie es zu Weihnachten nicht geschafft hat." Sie scheint ruhig, vielleicht im Versuch, die Tränen vor Fremden zu unterdrücken. "Ich will dorthin gehen und mit Mami zusammen arbeiten. Aber ich muss warten, bis ich die Schule abgeschlossen habe." (…)

"Sperieteni und Dâmbovita sind keineswegs Einzelfälle. In anderen Teilen Rumäniens, wie zum Beispiel in der verarmten Moldau-Region, ist Italien beliebter, besonders bei Krankenschwestern und Altenpflegerinnen. Verlässliche Zahlen sind schwer zu bekommen. Laut einer Studie der Soros Foundation arbeiten über 2,5 Millionen Rumänen – einer von neun – im Ausland. Viele haben ihre Kinder mitgenommen und sind für immer dorthin gezogen. Aber die meisten bleiben nur etwa zwei Jahre und lassen ihre Kinder zurück, im Glauben, sie seien zu Hause, in der Schule, in der Obhut der Verwandten sicherer aufgehoben.

Kinderbetreuungsexperten und Öffentlichkeit wurden Anfang 2006 auf das Problem aufmerksam, als die Medien über mehrere Selbstmordfälle berichteten. Ein zwölfjähriger Bub aus Curtea de Arges, einer Stadt im Zentrum des Landes, setzte am 1. Oktober seinem Leben ein Ende. Er hatte gerade herausgefunden, dass seine Mutter vorhatte, bald nach Italien zurückzukehren. Andrei Ciurea erhängte sich im Hof, nachdem er seiner Mutter und seinen Geschwistern einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte: "Es tut mir leid wegen des Streits. Mein Begräbnis wird euch keine Schwierigkeiten bereiten, denn ihr bekommt das Geld von dem Mann, der das Holz gekauft hat. Schwester, geh weiter zur Schule. Mutti, pass auf dich auf, denn die Welt ist böse. Kümmert euch um den Welpen." Seine Mutter Alexandrina kehrte nie nach Italien zurück. Ihre Entscheidung kam zu spät." (Ana Maria Luca, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.11.2007)

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Man entzieht Kälbern ihre Mütter und Mutterkühe ihre Kälber – was Mensch dem Tier antut, tut er wie üblich auch anderen Menschen an.
Es ist ja löblich, und verständlich, dass Eltern um zu überleben ins Ausland arbeiten gehen, aber alles hat seinen Preis und das sind die zurückgelassenen Kinder und die eigenen Eltern. So ergeht es allen Gastarbeiterfamilien, die auf Saison oder im Ausland arbeiten und ihre Kinder und Verwandten nicht mitnehmen können. Obwohl gerade das von Seiten der Arbeitgeberländer verlangt wird, um den Zuzug von Ausländern einzubremsen. Die Kinder verstehen die Situation rational, aber noch lange nicht gefühlsmäßig, sie sehnen sich nach Mutter und Vater und nach Geborgenheit und haben das Gefühl, absichtlich ausgesetzt und verlassen worden zu sein.
 
Ich frage mich, wie lange das wohl so weitergeht, dass Eltern ihre Kinder wegen der Arbeit, der Karriere, des Geldes abschieben wollen oder müssen, wie lange Kinder abgeschoben oder schlecht behandelt werden weil sie lästige Störfaktoren für das eigene Vergnügen und die eigene Freizeit sind. Wie lange Kinder noch weltweit real oder indirekt verwaisen oder überhaupt ausgesetzt werden, ins Waisenhaus (noch dazu in eins aus osteuropa) abgeschoben werden? Und dann selbst, als Erwachsener, diese lieblose Haltung weitergeben an die eigenen Kinder?
Ich denke mir, der verstorbene Hermann Gmeiner hätte die große seelische Not noch verstanden. Oder Peter Pan.
Ich wünschte, alle Kinder, alle Tierkinder, würden die Liebe, Geborgenheit und Wärme und die optimalen Bedingungen finden, um körperlich und seelisch zu gedeihen.
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