Reflexionen über Sinn und Praxis von Reue und Beichte

Sakramente sind Rituale, die die Menschen heilen, heiligen sollen und den Bezug zum Göttlichen (wieder-)herstellen sollen.
Die Katholische Kirche geht davon aus, dass böse Vergehen ("Sünden", die 7 Todsünden) die Harmonie zum Göttlichen zerstören, dass sie die Seele verdunkeln und damit vom Licht des Göttlichen entfernen. Der Mensch sehnt sich aber nach diesem Licht und der Liebe sowie der Harmonie und erlebt diese Entfernung als Leid (persönliche Anmerkung: und vermutlich als negatives Karma), als ein inneres brennendes Unglück ("inneres Fegefeuer"). Schlechtes Gewissen ist nichts anderes als die Klage, die Selbstanklage der Seele, etwas falsch gemacht zu haben und daher die Harmonie und den Seelenfrieden gefährdet zu haben.
 
Zu oft wird dieses Gefühl hinweggewischt und verdrängt, doch es ist nicht weg, sondern brodelt als unbewusste Energie unbewusst im Menschen weiter, verdichtet sich dort zum "Schatten", der durch alle verdrängten negativen Gefühle genährt wird. Ist der Schatten zu mächtig geworden, beeinflusst er unbewusst (weil uneingestanden) negativ das Leben des Menschen. Viel Lebensenergie wird verbraucht zur Verdrängung und Kontrolle all dieser Schuldgefühle und Erinnerungen.
Ein Mittel zur Widerherstellung der inneren Harmonie ist, 1. sich selbst den Fehler einzugestehen und zu bereuen 2. bei schweren Vergehen diese sogar öffentlich zu machen und sich dafür zu entschuldigen 3. eine materielle Wiedergutmachung zu leisten, falls möglich und nötig 4. eine innere Wiedergutmachung zu leisten, um den Kontakt zum Göttlichen bewusst wiederherzustellen, z.B. durch Gebet 5. den Vorsatz zu haben, diesen Fehler nicht zu wiederholen.
Von all diesen Punkten ist die innere Einsicht und der Vorsatz, es nicht wieder zu tun, das Allerwichtigste. Der Rest sind Bekräftigungen, Bestärkungen dieses Vorsatzes. Wenn wir erkennen, was wir falsch gemacht haben, lernen wir daraus, es in Zukunft besser (richtiger) zu machen.
 
In der Antike hat es sich eingebürgert, dass die Gläubigen zur Klärung und Wiedergutmachung die Beratung des Ältesten in der Gemeinde (= den Presbyter => den späteren Priester) heranzogen. Diese anfänglich aufgebauten Gebräuche und Traditionen haben sich später in den Jahrhunderten verfestigt. Heute hat der katholische Gläubige zwei Möglichkeiten: entweder direkt ein solches Beratungs- und Seelsorgegespräch mit dem Priester (Pfarrer) zu führen, wobei auch alle sonstigen Umstände, Gefühle und Befindlichkeiten zur Sprache kommen. Oder ein anonymeres Beichtgespräch im Beichtstuhl zu absolvieren. Nur wenn die obigen 5 Punkte zutreffen, vermag der Priester symbolisch von der "Sünde" freizusprechen; treffen sie nicht zu, so ist das Ritual nichtig. (Der Priester kann ja nicht unbedingt erkennen, ob er angelogen wird.) Stellt sich z.B. ein Schwerkrimineller nicht der Polizei, so gilt die Beichte vor Gott nicht, und das wird ihm auch gesagt. Meist sind aber die im Beichtstuhl gebeichteten "Vergehen" so gering, dass einige Gebete als Sühne ausreichen.
Im Grunde ist das Psychohygiene, Psychotherapie. Der Mensch stellt sich seiner Tat und seinen Schuldgefühlen, arbeitet sie auf und versucht die Tat wieder gut zu machen. Dadurch wird "der Schattten auf seiner Seele", der entstanden ist, aufgelöst. Dazu muss man wissen, dass die katholischen Priester von der theologischen Ausbildung her auch psychotherapeutische Ansätze vermittelt bekommen und sich vielfach darin selbst weiterbilden, um sowas wie "Seelesorge" überhaupt betreiben zu können. (Was dann jeder mit der Ausbildung macht, ist dann allerdings ein anderes Kapitel, wie bei Ärzten und Psychotherapeuten auch.) Ein Seelsorger, dem die persönlichen weltlichen und seelischen Probleme seiner Anvertrauten nicht kümmert, sondern nur irgendwelche kirchlichen Maßstäbe, erledigt seine Arbeit schlecht – allerdings gibt es immer weniger Priester und daher können sie diese eigentliche Arbeit für die Gemeinschaft nur noch mangelhaft erfüllen.
 
Wer sich weder bei einem Freund, einem Verwandten, einem Seelsorger oder einem Psychotherapeuten aussprechen kann, muss mit allem selbst fertig werden. Wobei es immer schwer ist, sich selbst Fehler einzugestehen und auch, einen Weg zu finden, etwas wieder gutzumachen (und den Willen, dies auch zu tun). 
Leider war es über die Jahrhunderte hinweg in der Katholischen Kirche üblich geworden, dass kleine Vergehen aufgepauscht worden sind (z.B. die ganzen Sexualfragen und Glaubensfragen), aber andere Dinge (z.B. Habgier, Neid, Gewalt, Hass, Verleumdung…) viel zu gering beurteilt worden sind. Wie gesagt, kommt es auf den jeweiligen Priester an. Heute werden die Wertigkeiten wieder gründlich hinterfragt. Im Grunde geht es darum, dass einige Handlungen einen auf einen falschen Weg führen, wo langfristig nichts Gutes daraus entstehen kann, weder für einen selbst noch für andere. Solche Gedanken, Wünsche und Handlungen zehren einen auf – "töten die Seele", genauer den Zugang zu unserer göttlich-seelischen Lebensquelle. Dementsprechend stärker oder schwächer sollte man "Verfehlungen" , sofern sie es sind, auch beurteilen.
 
 
Seelische und weltliche Wiedergutmachung und dessen Missbrauch:
 
Manche Dinge, die geschehen sind, kann man nicht so einfach wiedergutmachen. Wenn ein betrunkener Autofahrer einen Unfall verursacht und jemand tötet, wie soll er das wieder gut machen? Hier kann man nur versuchen, das innere finstere Loch durch andere gute Werke aufzufüllen. In früheren Zeiten verdonnerte die Kirche solche Übeltäter dazu, Kapellen oder Kirchen zu bauen, große caritative Spenden für Arme, Witwen oder Waisen zu machen oder zumindest eine sehr weite Wallfahrt, im Armengewand, fastend und zu Fuß. Z.B. nach Nord-Portugal, Rom, Jerusalem oder lokalere Walfahrt-Stätten, was anstrengend und für den einsamen Wanderer sehr gefährlich war und lange dauerte.
Nachdem die Päpste aus Avignon (wohin sie durch den französischen König gezwungen worden waren) nach Rom zurückgekehrt sind, mussten sie feststellen, dass aus der ehemals viel-Millionenstadt der alten Römer ein halbzerstörtes Kaff mit nicht mal 40 000 Einwohnern geworden ist, wo die Ziegen am Forum Romanum weideten. Sie bildeten sich ein, sie müssten die Stadt glanzvoller ausbauen und zogen dafür die Wiedergutmachungsgelder der Gläubigen heran. Die Päpste selbst kamen wie der obere Klerus aus total korrupten (verkommenen) Adelshäusern und handelten großteils entsprechend selbst korrupt und gigantomanisch, lebten gut von den Pfründen und Kirchensteuern (=gewöhnlich 10% des Jahreseinkommens einer Familie; Adel oft ausgenommen). Der niedere Klerus (der die Arbeit machte) war kaum gebildet, verarmt und konnte bestenfalls Gebete auswendig runterleiern – eine theologische Ausbildung gab es nicht. Was dann kam, wissen wir alle: der Aufstand eines Teils der Gläubigen mit Leuten wie Luther, die unbequeme Fragen stellten, den ursprünglichen Sinn der Wiedergutmachung (und anderer Sakramente) nicht mehr verstanden bzw. nie verstanden haben. Und der Aufstand kam wohl zu recht, denn es ist ja ganz schön "billig", fixe Geldsätze für Vergehen anzulegen, und so zu tun, als wäre dann die Person durch Bezahlung frei von persönlicher Schuld.
Die evangelische Kirche erklärte die Schuldfrage zu einer persönlichen Angelegenheit, den Gläubigen ohnehin durch den Tod Jesus für erlöst (!!! d.h. er muss sich selbst gar nicht mehr anstrengen), das Leben z.T. für von Gott vorherbestimmt (!), Wiedergutmachungen und Wallfahrten für nutzlos. (Und in der Folge wurde auch die caritative Hilfe verworfen – die Armen waren a. von Gott eben verdammt und b. faule Schmarotzer), und die Zahl der Kirchenfeste und Kirchengüter reduziert. (Die Gewinne, Gelder und Gebiete wurden vom Adel eingesackt.) Das wiederum führte dazu, dass die Kirche a. in protestantische Länder kein Geld für caritative Hilfe mehr hatte und b. die arbeitenden Leute von einer quasi-5-Tage-Woche im Mittelalter von den Obrigkeiten zu einer 6 oder 6 1/2 -Tage-Woche in der Neuzeit verdonnert wurden. Die finanziellen Gewinner am Protestantismus der Untertanen waren auf alle Fälle die adelige und großbürgerliche Oberschicht, egal was man davon religiös hält.
Die Urkirche ging davon aus, dass die Gemeinschaft füreinander einzustehen hatte und selbstverständlich für Arme, Kranke, Witwen und Waisen zu sorgen hatte. Dafür gab es eine Gemeindekassa, die später vom Klerus verwaltet wurde. Daraus entstanden später die Kirchensteuern, auch zur Bezahlung des Klerus, Bezahlung von Messen und zum Bau von Gebetsstätten und Gemeindestätten (Kirchen – ursprünglich einfach ein großer Platz oder großer Raum, ein Mehrzweckraum, eine Basilika.) Aber irgendwann ab dem Hohen und späten Mittelalter wurde alles zunehmend korrumpiert, der Adel machte zunehmend ohnehin was er wollte. Kirchen- udn Klosterbauten wurden Prestigeobjekte, die vom Adel vorfinanziert wurden, wodurch der Adel dann in den Genuss von erwirtschafteten Pfründen, Schenkungen und Ablasszahlungen kam. Was aber nie die eigentliche Absicht der christlichen Idee gewesen ist, genauso wie Krieg, Gewalttätigkeit und Brutalität in der Urkirche ursprünglich unvereinbar mit dem Christentum gewesen ist und das blutige Kreuz nicht ihr Kennzeichen war. Man kann sagen, die Menschen waren später christianisiert – aber nicht christlich.
Um zum Anfang zurückzukehren: die Beichte sollte als Sakrament die Harmonie mit dem Göttlichen wiederherstellen. Und man konnte auch für fremde Menschen, Angehörige oder Verwandte beten, dass sie diese innere Harmonie wiederfänden anstatt innerlich "zu brennen" vor Schuld, Frust, Furcht, Verzweiflung, innerer Kälte und Dunkelheit. Sogar noch im Jenseits. Natürlich ist jeder mal zuerst für sich selbst verantwortlich, aber wie bei Geistheilungen ging man davon aus, dass positive Gedanken und Gebete auch andere "heilen" ( d.h. Heil geben) und harmonisieren könnten – sogar über den Tod hinaus. Schließlich besitzen wir auch ein Gruppenkarma. Falsch ist, um Luther recht zu geben, zu glauben, dass man andere so einfach von begangenen Sünden finanziell "freikaufen" könnte, wenn die selbst gar nichts dazu beitrügen. Das hat ja nicht mal bei Jesus funktioniert, auch er hatte letztlich das Karma zu tragen, das er für seine Heilungen, sein Auftreten und seine Missionierung auf sich genommen hatte. (Daher der Satz: "Er hat unsere Sünden auf sich genommen durch seinen Tod.") Geistiges Heilen ist eben ein heikles Kapitel.

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