Einige Liebeslieder aus den umfassenden poetischen Liebesliedersammlungen der Papyrii Chester Beatty I und Harris 500, gesammelt und niedergeschrieben ca. 1300-1100 v. Chr. in der Ramessidenzeit.
 
Aus den ‚Sprüchen der großen Herzensfreude‘
 
I.
 
Einzig ist die Geliebte, ohnegleichen, schöner als jede Frau.
Strahlend ist sie, wie der aufgehnde Stern, der dem guten Jahr voranzieht.
 
Die vor Tugend leuchtende, Glanzhäutige, mit Augen die klar blicken
und mit Lippen, die süß reden, hat sie kein Wort zuviel.
 
Mit hohem Wuchs und schimmernder Brust, hat sie echtes Lapislazuli zum Haar.
Ihre Arme übertreffen das (begehrenswerte) Gold , ihre Finger sind wie (sanfte) Lotoskelche.
 
Mit prangerndem Hintern und doch schmalen Hüften tragen ihre Schenkel ihr Schönstes,
mit edlem Gang, wenn sie dahinschreitet, raubt sie mein Herz mit ihrem Gruß.
 
Sie lässt den Hals aller Männer sich verrenken, nur dass sie sie sehen.
Ein jeder, der sie umarmt, spürt Wonne und fühlt sich als erster aller Liebhaber.
 
Sieht man sie hinausgehen, gleicht sie der Liebesgöttin (Hathor), der Einzigen.
 
 
VII.
 
Sieben Tage sah ich die Geliebte nicht, und Krankheit befiel mich.
Meine Glieder wurden schwer, und ich verlor sogar das Bewusstsein.
 
Es kommen die Ärzte zu mir, doch ich bin mit ihren Rezepten nicht zufrieden.
Die gelehrten Doktoren finden keinen Ausweg, mein Leiden wird nicht erkannt.
 
Doch wer mir sagt: "Schau, sie ist da!", der belebt mich.
Ihr Name ist das, was mich hochbringt.
Das Kommen und Gehen ihrer Boten ist es, was mein Herz lebendig macht.
 
Besser als alle Mittel ist mir die Geliebte, bedeutsamer als alle Rezepte,
ihr Eintritt von draußen ist mein (Heil-)Amulett, wenn ich sie sehe bin ich gesund.
 
Schlägt sie die Augen auf, dann verjüngt sich mein Leib,
spricht sie, so werde ich mutig,
und wenn ich sie umarme, verjagt sie alles Übel –
 
Aber sie ging von mir vor sieben Tagen!
 
 
II.
 
Der Geliebte erregt mein Herz durch seine Stimme – sie macht, dass mich Krankheit ergreift.
Ganz nah wohnt er am Hause meiner Mutter, aber ich weiß nicht, wie ich ihn erreichen kann.
 
Gut wäre es, meine Mutter könnte ihm von mir sagen: "Höre damit auf, dass sie dich sehen muss!"
Denn mein Herz sträubt sich, an ihn zu denken, und doch bin ich erfüllt mit Liebe für ihn.
 
Schau, er ist ohne besondere Vernunft, aber ich bin genauso wie er.
Er kennt meinen Wunsch nicht, ihn fest zu umarmen,
sonst würde er bestimmt bei meiner Mutter um mich anhalten.
 
Geliebter, ach wäre ich dir vermählt von der "Goldenen" (Hathor, Göttin) der Frauen!
Komm zu mir, dass ich deine Schönheit schaue, dann freuen sich Vater und Mutter
und alle Menschen freuen sich inniglich mit dir, sie jubeln dir dann zu, Geliebter!
 
 
IV.
 
Wie pocht mein Herz so schnell, denk ich an meine Liebe zu ihm!
Es lässt mich nicht wie ein (normaler) Mensch gehen, sondern hüpft an seinem Platz.
 
Es lässt mich nicht das Hemd anziehen, und hindert mich, den Fächer zu greifen.
Es lässt mich keine Schminke an meine Augen legen und hält mich ab, mich zu salben (=parfümieren).
 
"Halte dich nicht auf, damit du das Ziel erreichst", sagt es zu mir, so oft ich an ihn denke.
Ach mein Herz, begeh keine Dummheiten, weshalb willst du mir Kummer machen?!
 
Bleibe ruhig, der Geliebte kommt doch zu dir (mein Herz),
aber zugleich sehen die Augen der Menge das. Lass die Leute nicht über mich sagen:
"Da, eine Frau, die der Liebe verfiel!"
Bleibe fest, wann immer du an ihn denkst, mein Herz, und poche doch nicht so!
 
 
 
III.
 
Mein Herz gedachte ihre Schönhit zu sehen, dass ich ihr innig beiwohne.
Doch dann traf ich (Prinz) Mehi im Wagen unterwegs mit der Schar seiner Liebhaber.
 
Ich wusste nicht, wie ihm auszuweichen wäare, oder sollte ich so unbefangen an ihm vorbeigehen?
War mir doch der Fluss wie eine Straße, und ich sah keinen keinen (festen) Boden mehr unter meinen Füßen.
 
Wie so unwissend bist du, mein Herz – warum willst du denn auch an Mehi vorbei?
Schau, wenn ich vor ihm so betont ausweiche, verrate ich ihm meine Gefühle.
 
"Sehe, ich gehöre zu dir", würde ich ihm sagen. Er aber würde mich beim Namen rufen
und mich als ersten (Lieblings-)Diener einteilen (unter all denen), die in seinem Gefolge sind.
 
 
 
Aus den Liedern des Papyrus Harris 500
 
 
13.
 
Du Schönster, mein Wunsch ist, deine Sachen zu erledigen als wäre ich deine "Herrin des Hauses"!
Dann ruht mein Arm auf deinem Arm und meine Liebe umfängt dich.
 
Ich sage dem Herzen in meiner Brust den Wunsch:
"Ich will meinen Schatz heute nacht, sonst bin ich wie eine, die im Grabe liegt!"
Bist du denn nicht Gesundheit und Leben für mich?
Deine Nähe macht so froh… und mein Herz verlangt nach dir!
 
 
14.
 
Die Stimme der Schwalbe spricht und sagt: "Es ist Tag geworden – wann machst du dich auf dem Weg?"
 
Nicht doch, du Vogel, du quälst mich!
Ich traf den Geliebten in seiner Kammer, mein Herz war darüber überaus glücklich.
Wir sprachen zueinander: "Ich will nicht fortgehen, wir bleiben Hand in Hand, und wenn ich ausgehe,
bin ich doch mit dir an jedem schönen Ort."
Er macht mich bestimmt zum glücklichsten Mädchen und betrübt mein Herz nicht!
 
 
 
 
Aus: Andere Lieder (Chester Beatty I)
 
 
Ich ging zur Nacht an ihrem Haus vorüber, ich klopfte, aber es wurde mir nicht geöffnet.
 
Gute Nacht wünsche ich dem Türhüter! – Riegel, ich will dich selbst öffnen!
 
Tür, du bist mein Schicksal, du bist mir ein guter Geist, man wird dir zum Ruhme unseren Ochsen schlachten!
 
Ein Ochse wird gechlachtet auch für den Riegel, ein Rind für das Schloß,
eine fette Gans für den Pfosten, das Schmalz davon für den Schlüssel.
 
Allerlei erlesene Stücke unseres Ochsen sind dann für die Lehrbuben des Meisters,
damit er uns einen Riegel aus Rohr und eine Tür aus Stroh mache.
 
Kommt dann der Geliebte zu irgendeiner Zeit, findet er ihr Haus offen…
findet ein Bett, mit feinem Leinen bezogen,…
und ein hübsches Mädchen zu allem bereit….
 
Das Mädchen jedoch sagt leichthin zu mir:
Dieses "Haus" gehört bereits dem Sohn des Bürgermeisters!
 
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In: Altägyptische Dichtung. – Reclam: Stuttgart 1996, S. 139 – 151, in stilistisch leicht korrigierter Fassung.
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