II.
Wenn du einen Mann im öffentlichen Disput triffst, in führender Stellung und angesehender als du,
dann beuge deinen Arm und krümme deinen Rücken. Fordere ihn nicht heraus, dann kann er dich nicht zurechtweisen.
Wenn er dich allerdings erniedrigt durch schlechte Reden, unterlasse es nicht, ihm öffentlich entgegenzutreten,
und zwar so, dass er als jemand dasteht, der von der Sache keine Ahnung hat –
dann ist (für jedermann) seine Macht durch deine Sachlichkeit ausgeglichen.
 
V.
Wenn du jemand in leitender Stellung bist, der für viele zu sorgen hat,
dann bemühe dich um lauter Vortrefflichkeit, so dass dein Verhalten ohne Tadel ist.
Groß ist die Gerechtigkeit, dauernd und wirksam!
Sie ist nicht verwirrt worden seit den Zeiten des Osiris, und man bestraft den, der diese Gesetze missachtet.
Der Habgierige beachtet sie zwar nicht, und Gemeinheit rafft Schätze zusammen,
doch nie ist das Unrecht wo erschienen und hat überdauert.
Ist das Ende da, bleibt nur das Recht.
 
VI.
Unterdrücke die Menschen nicht, denn Gott straft mit Gleichem.
Sagt ein Mann, ich nehme es an mich umzu leben, so erwirbt er wegen dieser Aussage kein Stück Brot.
Sagt ein Mann, ich werde davon reich, so kann er nur meinen: durch eigene Fähigkeiten.
Sagt ein Mann, er werde einen anderen berauben, so wird mit ihm geschehen, was dem Fremden geschehen sollte.
Nie tritt das ein, was Menschen sich ausdenken, sondern was die Gottheit befiehlt, das geschieht.
Trachte danach, zufrieden zu leben, denn nur was man verdient hat, tritt ein.
 
X.
Wenn du arm bist, doch der Gefolgsmann eines Reichen, dessen frühere Niedrigkeit du kennst,
dann sei dein Verhalten tadellos für Gott und König, und sei nicht überheblich gegenüber diesen da,
wegen der Kenntnis, die du von seinem früheren Zustand hast.
Achte ihn entsprechend dem, was er erreicht hat, denn kein Wohlstand kommt grundlos,
sondern nach göttlichen Gesetz für einen Gesegneten.
Hat er Überfluss, dann hat er ihn zwar selbst zusammengebracht, doch die Gottheit hat bewirkt, dass es so ist
und sie wacht über ihn, während er schläft.
 
XVII.
Wenn du ein Beamter in leitender Stellung bist, dann höre geduldig auf die Worte des Bittstellers.
Weise ihn nicht ab, bis er sich alles "~von der Seele geredet~" hat, und alles gesagt hat, was er vorbringen wollte.
Wer Kummer hat, möchte lieber sein Herz erleichtern, als mit seinen Bitten Erfolg haben.
Wer einen Bittsteller entmutigt, von dem fragt man sich "Warum will er ihm schaden?".
Nicht alles, worum jemand bittet, kann gewährt werden, aber bereits das Zuhören tut dem Herzen wohl.
 
XIX.
Wenn du willst, dass deine Amtsführung gut sei, mache dich frei von allem Bösen.
Hüte dich vor der Sünde der Habgier – sie ist eine schlimme, unheilbare Krankheit, die nicht behandelt werden kann.
Sie entzweit Väter und Söhne mit den Brüdern von der Mutter, sie trennt die Frau vom Manne.
Ein Bündel ist sie von allem Schlechten, ein Sack mit allem Hassenswerten.
Nur der Mann überdauert (ewig, jenseitig), der sich an die Gerechtigkeit hält.
Wer seinen Weg recht geht, der gibt sein Vermögen weiter, doch für den Habgierigen gibt es kein (gesegnetes) Grab.
 
XXXIV.
Sei freundlich, solange du lebst.
Was aus dem Speicher gegangen ist, kehrt zwar nicht zurück, doch die Nahrung, die ausgeteilt wurde, ist begehrt.
Der mit leerem Magen wird sonst Ankläger, der Benachteiligte wird zum Widersacher –
mache sie dir nicht in deinem Umfeld!
Nur die Güte eines Mannes bleibt (letzlich) als Erinnerung für die Jahre im Ruhestand zurück.
 
 
Etwas stilistisch überarbeiteter Auszug aus: Der weise Ptahhotep. – In: Altägyptische Dichtung. Reclam: Stuttgart 1996, S. 59-72.
 
Älteste erhaltene Weisheitslehre aus dem Ende des ägyptischen Alten Reiches 2200 v. Chr., und dem alten Wesir Ptahhotep, als Vermächtnis des Mentors an Pharao Asosi (5. Dyn., 2370 v. Chr.) als fiktiven oder realem Autor, zugeschrieben. Überliefert als Holztafel und in drei Papyri aus dem Mittleren und Neuem Reich.
 
 
Advertisements